Donnerstag, 10. März 2011

Reuben Abrahm




  Für die Interview-Reihe "inspire" des Audi-Magazins habe ich mit Young Global Leader Dr. Reuben Abraham über den Wettlauf zwischen Indien und China, Wachstum und die Bedeutung des Mittelstands  gesprochen.
(Auftraggeber: loved gmbh)

Dr. Reuben Abraham

Die Pyramide als Symbol der volks- und weltwirtschaftlichen Verteilung des Geldes, mit einer reichen Spitze und der breiten, armen Basis, begleitet den heute 37-Jährigen Ökonomen durch dessen Karriere. Nach einem steilen Aufstieg als Journalist und einer harten Landung mit einem misslungenen Start-up verließ Abraham seine Heimat Indien und zog nach New York, um sich dort weiterzubilden und schließlich zu promovieren. Als das Base of the Pyramid Lab (BoP Lab) der renommierten Cornell University, das sich mit der Erforschung und Bekämpfung von Armut beschäftigt, einen Ableger an der Indian Business School plante, nutzte Abraham die Chance und kehrte in seine Heimat zurück. Dort lehrt er nun als Professor an der ISB in Hyderabad. Das BoP Lab baute er zum Centre for Emerging Markets aus und übernahm dessen Leitung.



Audi magazin: Herr Abraham, Sie gehören seit 2009 zum Young Global Leaders Netzwerk. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?


Reuben Abraham: Ich weiß nicht, wie es dem Weltwirtschaftsforum jedes Jahr aufs Neue gelingt, solche Menschen zu finden: Sie leisten Außergewöhnliches und sind dabei so sympathisch, dass man auch gerne zusammen etwas trinken geht. Was die Arbeit angeht, kann man von den anderen viel lernen, und innerhalb des Netzwerks kommen zahlreiche Kollaborationen zustande. Erst kürzlich haben wir an unserer Business School in Indien ein kleines Programm zur Schulung indischer Gesetzgeber in Sachen politische Kompetenzen aufgelegt – ein Projekt, das von mir gemeinsam mit einem anderen Young Global Leader ins Leben gerufen wurde. So etwas finde ich toll. 



Sie leiten an der Indian School of Business das Centre for Emerging Markets Solutions? Womit beschäftigen Sie sich?


Die aufstrebenden Länder haben in den vergangenen Jahren bekanntlich einen Höhenflug erlebt – mit beneidenswerten Wachstumsraten. Die indische Wirtschaft konnte in den letzten zehn Jahren mit durchschnittlich sechs Prozent Wachstum rasant zulegen. Von einem derartigen Aufschwung profitiert allerdings zumeist nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, und in großen Volkswirtschaften wie Indien stellt sich ein Trickle-down-Effekt kaum schnell genug ein, um wirtschaftliche und politische Konsequenzen dieser Schieflage zu verhindern. Das notwendige Wachstum solcher Volkswirtschaften muss mehr Menschen teilhaben lassen und sich stärker in allen gesellschaftlichen Schichten niederschlagen. 



Sie haben einen kleinen Fonds für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) aufgelegt, der allerdings nichts mit Mikrofinanzierung zu tun hat.


Meines Erachtens wird das Thema Mikrofinanzierung etwas zu hoch gehandelt. Diese Geschichte von „Ich kaufe zwei Kühe und mit dem Gewinn aus dem Milchverkauf dann vier Kühe, später sechs Kühe“ – bis man es auf die Art zu etwas bringt, geht viel Zeit ins Land. Dagegen entstehen in fast jeder reifen Volkswirtschaft die meisten Stellen durch KMU. In Deutschland werden über 98 Prozent aller neuen Arbeitsplätze durch den Mittelstand geschaffen. In Indien hingegen sind es nicht einmal zehn Prozent. Aber wir haben ein riesiges Angebot an Arbeitskräften. Zu einem spürbarer Beschäftigungsaufbau im KMU-Sektor gehören der Zugang zu Kapital, Zugang zu Märkten, Zugang zu Best Practices und Zugang zu fähigem Führungspersonal sowie vorteilhafte regulatorische Rahmenbedingungen.
Vor diesem Hintergrund haben wir beim Aufbau des SONG- Fonds geholfen (mit Soros, Omidyar Network und Google als Investoren), der in kleine und mittelständische Unternehmen investiert und so die Entstehung neuer Arbeitsplätze unterstützt. 




Indiens größter wirtschaftlicher Rivale ist China. Welches der beiden Länder wird am Ende die Nase vorn haben?


Indien wird China bis 2020 als das bevölkerungsreichste Land der Erde überholen, und das mit einem niedrigeren Altersdurchschnitt. China wird als erstes Land in der Geschichte überaltert sein, ehe es reich wird, was eine Menge Probleme birgt. Indien hingegen hat dann eine sehr junge Bevölkerung, die es auszubilden und zu qualifizieren gilt. Wenn uns die Ausbildung dieser jungen Leute und die Schaffung von Arbeitsplätzen nicht schnell genug gelingt, dann kann aus der demografischen Dividende leicht ein demografischer Albtraum werden. Es gibt nichts Schlimmeres als ganze Horden verunsicherter junger Menschen ohne Arbeit. 



Und welches System bietet die besseren Voraussetzungen für Wachstum?


Schwer zu sagen. Es kommt darauf an, welchen Zeithorizont man betrachtet. Auf kurze Sicht lässt sich mit einem nicht demokratischen System sicher mehr Wachstum erzielen. Langfristig habe ich da aber meine Zweifel. Ich persönlich lebe lieber in einem freien, demokratisch geführten Land. Aber wenn man jemanden aus einem Armenviertel in Bombay fragen würde – legt so jemand wohl mehr Wert auf seine Redefreiheit oder darauf, dass er jeden Tag etwas zu essen hat? Ich weiß es nicht. Vermutlich würde er sich dafür entscheiden, sich ernähren zu können. Ab einem bestimmten Einkommensniveau stellt man jedoch Dinge in Frage und nimmt den Status quo nicht mehr einfach hin. Ein starres politisches System, das sich nicht schnell anpassen kann, birgt dann gravierende Risiken. 



Das passt zum diesjährigen Motto von Davos: gemeinsame Regeln für die neue Wirklichkeit. Wie sollten diese Regeln aussehen?


Die neue Wirklichkeit wird vor allem durch geopolitische Aspekte geprägt. Wir beobachten eine deutliche Machtverschiebung vom Atlantik in Richtung des Indischen und des Pazifischen Ozeans. Der Westen muss erkennen, dass die vergangenen 200 Jahre eine Ausnahme waren und geschichtlich gesehen nicht der „Normalzustand“. Aufgrund ihrer Bevölkerungsstärke haben Indien und China die Weltwirtschaft seit jeher bestimmt – außer in den letzten 200 Jahren. Noch 1820 entfielen auf China und Indien 50 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. Genau genommen erleben wir derzeit also nicht das „Aufstreben“ von Indien und China, sondern vielmehr ein Wiederaufstreben und das Wiederherstellen eines früheren Gleichgewichts. Ein Teil des Problems in Europa hat mit der Vorstellung zu tun, Europa sei schon immer die dominierende Kraft gewesen. Das ist schlicht falsch. Das Römische Reich war de facto nur ein Mittelmeer-Reich. Das Mongolische Reich hingegen erstreckte sich von der Ostküste Chinas bis vor die Tore Venedigs. All das sind historische Tatsachen, die im Lauf der letzten 200 Jahre in Vergessenheit geraten zu sein scheinen. Diese geänderte oder wiederhergestellte Weltsicht ist meines Erachtens fundamental wichtig für das Verständnis der neuen Wirklichkeit. 



Was sollten wir ändern, um uns für die neue Wirklichkeit zu rüsten?


Die Europäer sind aus meiner Sicht leider völlig unzureichend auf die neue Wirklichkeit vorbereitet – es sollte also möglichst schnell etwas geschehen. Als besonders hinderlich für den Austausch zwischen Indern und Europäern sehe ich die Visumspolitik. Erst kürzlich habe ich erlebt, wie einem renommierten indischen Professor, dem schon um die 35 Schengen-Visa erteilt wurden, ein neues Visum für drei Tage ausgestellt wurde. Diese Politik begreife ich nicht. Niemand wird gern jedes Mal, wenn er nach Europa möchte, wie ein Dieb behandelt. Das ist einer der Gründe, weshalb es die meisten Inder eher in die USA und nach Großbritannien zieht als in andere europäische Länder. Die Amerikaner haben zwar ein strenges Antragsverfahren – aber wenn man das erst einmal durchlaufen hat, bekommt man ein Visum für eine relativ lange Zeit (meistens fünf bis zehn Jahre). Dasselbe gilt für Großbritannien. Visa sind ein Beispiel für einen Stolperstein, der sich ganz einfach aus dem Weg räumen ließe. 



Wenn Sie auf andere Länder schauen und Erkenntnisse aus Ihren Gesprächen bei YGL-Treffen ziehen: Welche Fehler sollte Indien aus Ihrer Sicht vermeiden?


Wirtschaftliches Wachstum muss bedeuten: Wachstum für alle, nicht nur für die oberen Gesellschaftsschichten. Sonst kann es meines Erachtens nicht nachhaltig sein. Eklatante Ungleichheit kann ernste politische Konsequenzen haben. Sorge bereitet mir auch eine gewisse Selbstzufriedenheit, die sich angesichts des außerordentlichen Wirtschaftswachstums der letzten Jahre schleichend ausbreitet. Wie schon gesagt: Es gibt für nichts eine Garantie und deshalb müssen wir alles Menschenmögliche tun, damit sich die Wirtschaft weiterhin stark entwickelt. Dazu werden mitunter harte und unpopuläre Entscheidungen nötig sein. //