Mittwoch, 19. Januar 2011

Khanyi Dhlomo






Für die Interview-Reihe "inspire" des Audi-Magazins habe ich mit Global Leader Khanyi Dhlomo, Medienunternehmerin in Südafrika, über Bildung, Gründergeist und die Effekte der Fußball-WM 2010 gesprochen.
(Auftraggeber: loved gmbh)


Khanyi Dhlomo

 Mit 30 wollte es Khanyi Dhlomo noch einmal so richtig wissen. Sie hängte ihre erfolgreiche TV-Karriere an den Nagel, zog nach Paris, um dort mit Nachdruck für ihr Land zu werben, und drückte an- schließend erneut die Schulbank – an der renommierten Harvard Business School. Als die heute 35-Jährige 2007 nach Südafrika zurückkehrte, brachte sie nicht nur ein glänzendes MBA-Zeugnis mit, sondern auch Konzepte für ein eigenes crossmediales Unternehmen, zwei Magazine, in denen sie Lifestyle und anspruchsvolle Wirtschaftsthemen kombiniert, und die dazugehörigen Internet-Plattformen, auf denen sie ihre Leser miteinander verbindet. Mittlerweile gehört sie zu den einflussreichsten Medienunternehmerinnen Südafrikas und ist eine Inspiration für viele junge Unternehmensgründer in ihrem Land.



Audi magazin: Mrs. Dhlomo, anlässlich Ihrer Ehrung als Young Global Leader meinten Sie, dies sei eine tolle Chance, die drängenden Probleme der Jugend Südafrikas auf die globale Agenda zu setzen. Welche Probleme sind das? 

 Khanyi Dhlomo: Die Chancen für Jungunternehmer in Südafrika könnten besser sein. Ich würde junge Unternehmensgründer gern in die Lage versetzen, sich stärker mit Gleichgesinnten aus anderen Ländern auszutauschen. Welche Rahmenbedingungen hat man beispielsweise andernorts geschaffen, um Frauen und jungen Menschen einen erfolgreichen Start in die Selbstständigkeit zu er- möglichen? Was mich sonst noch persönlich antreibt, ist das Thema Bildung. Ich will jetzt nicht behaupten, dass man die Gesundheit außen vor lassen kann, denn die ist in Südafrika ganz offensichtlich auch ein Thema. Aber für mich vorrangig sind Bildung und Unternehmertum, denn beides hat einen starken Einfluss auf die Wirtschaft und auf das Wohlergehen der Menschen. Das ist die beste Hilfe zur Selbsthilfe – um grundlegende Dinge wie Gesundheit kann man sich dann selbst kümmern. 


Sind dies auch die Themen, die man in Südafrika viel diskutiert, oder spielen sie in der Debatte nur eine Nebenrolle? 

 Man beschäftigt sich schon mit diesen Themen, aber eher weniger mit Bezug auf die junge Generation. Und das möchte ich gern ändern. Unternehmertum kann sehr viel leisten, und es kommt uns allen zugute. Die aktuelle Debatte dreht sich um die Frage, wie wir diese Erkenntnis in gelebte Wirklichkeit umsetzen, wie wir nach der politischen Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung auch ihre wirtschaftliche Teilhabe erreichen können. Das Thema selbst ist nicht neu, wohl aber der Fokus auf junge Menschen. Dass hier Handlungsbedarf besteht, dürfte mittlerweile angekommen sein. 


Wie könnte man südafrikanischen Existenzgründern das Leben denn leichter machen?

 Es gibt schlichtweg zu viele Hürden. Und auch der Zugang zu Fördermitteln, Mentoring und Unterstützung, besonders für Jungunternehmer, könnte besser sein. Meine Magazine „Destiny“ und „Destiny Man“ richten sich, genau wie die dazugehörigen Internet-Plattformen, an Menschen zwischen 20 und 55. Aber am intensivsten ist der Austausch mit den 20- bis 35-Jährigen, die ja bekanntlich besonders medienaffin sind. Sie müssen die Chance bekommen, Unternehmen zu gründen und damit die Welt zu verändern. 


So wie Sie das zum Beispiel getan haben. 

 Ich hatte das Glück, schon in jungen Jahren eine interessante Karriere im Medienbereich einzuschlagen. Im Alter von 22 bis 30 war ich Herausgeberin von „True Love“, einem der meistgelesenen Frauenmagazine Südafrikas, und ich stand auch als Nachrichtensprecherin und Moderatorin einer Unterhaltungssendung vor der Kamera. Knapp vor meinem 30. Geburtstag wurde ich unruhig: Ich wollte meine eigene Firma gründen, am besten im Medienzusammenhang. Außerdem wollte ich internationale Erfahrung sammeln, das bestmögliche MBA-Studium machen. Wie der Zufall es wollte, fragte mich ein Headhunter, ob ich nicht die Leitung von South African Tourism in Frankreich übernehmen wolle. Das passte mir nicht nur gut ins Konzept, sondern gab mir auch die Chance, etwas an Südafrika zurückzugeben: Ich nahm die Stelle an und ging für zwei Jahre nach Paris. Meine Aufgabe war es, Geschäfts- und Urlaubsreisenden Südafrika als attraktives Reiseziel näherzubringen. Wir wollten den Leuten das andere Südafrika zeigen. Damals fand man uns in Frankreich unter politischen Gesichtspunkten interessant, nicht aber als Reiseland mit tollen Stränden, aufregenden Safariparks und auch sonst allem, was dazugehört. Um zu zeigen, dass wir viel mehr als politische Geschichte zu bieten haben, bauten wir beispielsweise ein südafrikanisches Dorf auf dem Place du Trocadéro auf oder fuhren mit einem Bus quer durch Frankreich, damit die Menschen unser Land mit allen Sinnen kennenlernen konnten. 


Ihr Europaaufenthalt war also eine gute Erfahrung.

 Allerdings! In Paris konnte ich nicht nur die für meinen MBA und für meine persönliche Entwicklung notwendige Auslandserfahrung sammeln, sondern auch intensiv darüber nachdenken, ob ich den MBA wirklich wollte. Das Ergebnis: Ich wollte – und zwar an der Harvard Business School. Gesagt, getan. In Harvard ist mir dann die Idee zur Gründung meines eigenen Unternehmens gekommen.   


Mit einem Harvard-Abschluss in der Tasche hätte man Sie überall auf der Welt mit offenen Armen empfangen. Warum sind Sie zu Ihren Wurzeln zurückgekehrt? 

 Zunächst einmal ist Südafrika meine Heimat, meine Familie lebt hier. Abgesehen davon kann ich hier einen Beitrag für mein Land leisten und damit auch etwas bewegen. Im Ausland verliert man schon mal die Orientierung, weiß nicht, wo man steht – hier mit seiner Leistung herauszuragen ist einfach sehr schwer. Deshalb kehrte ich mit all dem, was ich zwischenzeitlich gelernt hatte, nach Südafrika zurück und tat mein Bestes, um den Austausch mit anderen Ländern auf inhaltlicher, wirtschaftlicher und persönlicher Ebene zu stärken. Südafrika braucht so viele von uns wie nur möglich – Südafrikaner, die im Ausland studieren, arbeiten und leben konnten. Wir sind glücklich über jeden, der zurückkommt und uns dabei unterstützt, unser Land einen Schritt weiterzubringen.


In Deutschland waren wir während der Fußball-Weltmeisterschaft vom Spirit Südafrikas fasziniert. Konnte Südafrika denn von diesem Großereignis profitieren?

 Wir waren alle überglücklich, als wir hörten, dass die WM bei uns stattfinden sollte. Dann wurde es für eine Weile ruhig, aber plötzlich hat jeder sein Auto mit südafrikanischen Flaggen geschmückt. Dieses stark aufkeimende Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Patriotismus bei Südafrikanern gleich welcher Rasse oder Kultur war wunderbar. Man spürte förmlich, wie das Land enger zusammenrückte, um die WM erfolgreich über die Bühne zu bringen. Sicher war nicht alles perfekt, aber doch um ein Vielfaches besser als ursprünglich erwartet. Das von vielen Ländern und Berichterstattern prognostizierte Desaster blieb aus. Mit der WM konnten wir beweisen, dass unsere Menschen, unser Land und unsere Regierung auch großen Herausforderungen gewachsen sind. Wir sind in der Lage, unser Land erfolgreich und gut zu führen.


Könnten Deutschland, Europa oder Nordamerika etwas zu dieser positiven Entwicklung beitragen? Und wenn ja, wie könnte so ein Beitrag aussehen?

 Interessant (lacht). Ich glaube nicht, dass Südafrika überhaupt auf finanzielle Unterstützung angewiesen ist. Natürlich kann die jedes Land hin und wieder für verschiedenste Projekte gebrauchen, aber genau genommen braucht Südafrika keine Entwicklungshilfe. Am wenigsten braucht es sie in ihrer konventionellen Form, wie sie gern von Organisationen bereitgestellt wird, die Afrika entwickeln wollen. Wir haben die richtigen Absichten und auch die richtige Vision. Südafrika braucht jetzt Menschen, die uns bei der regionalen Nutzung unserer Ressourcen und bei von uns geförderten Projekten praktisch unterstützen. Wir brauchen Bündnisse, Kooperationen, Partnerschaften und einen regen Wissensaustausch mit anderen Ländern.


Sie sind viel in der Welt herumgekommen, haben sich mit Menschen unterschiedlichster Herkunft unterhalten. Unterscheiden sich die Wünsche der Menschen je nach Provenienz?

 Schön finde ich vor allem, dass es zwischen uns viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gibt. Wenn die Grundbedürfnisse von Menschen gesichert sind und sie in einem mehr oder minder zivilisierten und fortschrittlichen Umfeld leben, nähern sich ihre Wertvorstellungen einander sehr stark an. Wenn man sich um seine Existenz nicht sorgen muss, wenn Ernährung und Sicherheit gegeben sind, dann scheinen Menschen so ziemlich die gleichen Ziele und Sorgen zu haben. Alle wollen wir Herren unseres eigenen Schicksals sein und selbstbestimmt leben. Unbestritten hat Südafrika die eine oder andere Eigenschaft eines Entwicklungslandes, aber in vielerlei Hinsicht ist es auch ein hoch entwickeltes Land. Deshalb unterscheiden sich die Wünsche und Ziele der Menschen in unserem Land nicht so sehr von denen der Menschen in der sogenannten „ersten Welt“. Bildung, Chancen, ein bisschen Hilfe bei der Verwirklichung unserer Träume, der Wunsch, denen zu helfen, die weniger Glück im Leben hatten, und etwas Sinnvolles zu tun, das Streben nach einem besseren Leben für sich selbst und andere – diese Vorstellungen verbinden uns Menschen auf der ganzen Welt. 



Vielen Dank für dieses Gespräch! //